Caspar Hirschi: „Kosmopolitischer Liberalismus“ als Treiber gesellschaftlicher und politischer Auflösungsprozesse

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Caspar Hirschi lehrt an der Universität St. Gallen in der Schweiz. In der Neuen Zürcher Zeitung analysiert er den zunehmenden Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Erosion der Demokratie in westlichen Gesellschaften. Als wesentlichen Treiber dieser Entwicklung betrachtet er den “kosmopolitischen Liberalismus” der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten.

Hirschi bezieht sich auf eine Studie der Politikwissenschaftler Ronald Inglehart und Pippa Norris, denen zufolge das Erstarken alternativer Parteien in Europa in erster Linie nicht die Folge sozialer Entwicklungen darstelle, sondern eine Reaktion auf die kulturelle Entfernung der erwähnten Eliten von den jeweiligen Bevölkerungen sei.

Die Skepsis gegenüber diesen Eliten, die hinter dem als “Populismus” bezeichneten Phänomen stehe, sei dabei häufig begründet und nicht als Ausdruck von verzerrter Wahrnehmung abzutun:

„Was ist dran an diesem Bild eines Establishments, das Wettbewerb kultiviert und Abschliessung praktiziert, das Diversität predigt und Dissidenz bestraft, das Reformen verkündet und Rituale vollzieht, das Demokratie sagt und Technokratie meint? Es vereinfacht und verzerrt zweifellos den Zustand westlicher Eliten in polemischer Absicht. Dennoch scheint es einen wunden Punkt zu treffen. […] Der Populismus […] profitiert davon, dass im Zuge der Globalisierung eine neue Elite entstanden ist, deren politischer Einfluss immens und deren demokratische Einbindung minim ist. Bei aller geografischen Diversität ist sie so homogen, dass ihre Mitglieder problemlos von einer Expat-Community in die nächste wechseln können. […] Intervenieren ihre Vertreter in die Politik, dann zur Verteidigung ihrer Interessen, aber nicht zur Teilhabe am demokratischen Prozess um der Demokratie willen. Entsprechend kommt es ihnen wenig darauf an, ob sie in einer halbdirekten Demokratie wie der Schweiz oder einer halbparlamentarischen Diktatur wie Singapur leben. Es zählen Komfort und Konsum, Stabilität und Steuerprivilegien.“

Der Eliteanspruch dieser Gruppe sei dabei angesichts der von ihr verschuldeten Krisen, etwa der seit 2008 laufenden Finanzkrise, unbegründet. Dennoch nehme der Einfluss dieser Gruppe weiter zu:

„Ihre Drohung, bei hartem Durchgreifen in Länder mit nachsichtigeren Regimen abzuwandern, wirkte. In Amerika und Europa sorgten die staatstragenden Parteien dafür, dass die Krisensymptome bekämpft, die Krisenursachen verdrängt, die Krisenverursacher verschont und die Kosten auf künftige Generationen überwälzt wurden.“

Dies habe die bestehende Parteilandschaft in der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Menschen diskreditiert. Während ehemalige Regierungschefs “ein zweites Leben als Lobbyisten für Autokraten und Redner für Plutokraten “ führen würden, reagierte die Politik auf wachsende Kritik mit verstärkter Beschwörung der “Alternativlosigkeit” ihrer Politik und Versuchen, diese der demokratischen Streitkultur zu entziehen, was die vorhandenen Bruchlinien weiter vertiefe. Es sei daher ein Elitenaustausch und eine Verlagerung von Entscheidungsprozessen von der internationalen auf die nationale und regionale Ebene erforderlich, “im Bewusstsein, dass eine Vielfalt demokratischer Nationalstaaten allemal einer kosmopolitischen Oligarchie vorzuziehen ist.”

Bewertung und Folgerungen

Die Analyse Hirschis zur politischen Krise westlicher Gesellschaften deckt sich im Wesentlichen mit der französischen Sozialgeographen Christophe Guilluy, dessen Arbeit hier vor einiger Zeit vorgestellt worden war:

  • Die Globalisierung bzw. die Auflösung bestehender Kultur und Ordnung aus ökonomischen Motiven sei der wesentliche Treiber der Krise westlicher Gesellschaften, weil sie soziale Polarisierung in diesen Gesellschaften fördere und kulturellen und anderen Druck auf ihre erodierenden Mittelschichten erzeuge. Gewinner der Globalisierung in westlichen Gesellschaften seien ausschließlich ihre in die globale Ökonomie eingebundenen wirtschaftlichen Eliten sowie liberal-progressive kulturelle Eliten.
  • Die Mittelschichten würden sich daher zunehmend von etablierten Parteien abwenden, die nicht mehr ihre Interessen vertreten, und sich alternativen, „populistischen“ Parteien zuwenden. Die Eliten würden daraufhin ihrerseits weiter entsolidarisieren, für forcierte Globalisierung eintreten und die Problemwahrnehmung der Mittelschichten zum Ausdruck von „Rassismus“ oder kultureller Rückständigkeit erklären. In der Folge würden desintegrative Tendenzen weiter zunehmen.

Ähnlich argumentierte auch der amerikanische Politikwissenschaftler Charles Murray, der die mit dieser Entwicklung verbundenen kulturellen Auflösungs- und Polarisierungsphänomene am Beispiel der USA in seinem Werk „Coming Apart“ beschrieben hatte.

Der von Hirschi zur Korrektur dieser Entwicklung geforderte Elitenaustausch ist jedoch mittelfristig nicht absehbar, weil diese Entwicklungen letztlich kulturelle Ursachen haben und gleichzeitig nicht mehr ausreichend kulturelle Substanz vorhanden ist, die eine am Gemeinwohl orientierte Elite hervorbringen könnte. Populistische Parteien sprechen zwar einige der krisenhaften Tendenzen in westlichen Gesellschaften und ihre Symptome an, verfügen aber fast durchgängig nicht über eine kulturelle Vision und langfristig wirksame Konzepte zu ihrer Überwindung oder auch nur ein Verständnis der kulturellen Ursachen der von ihnen zum Teil erkannten Krisensymptome.

Zur Korrektur der angesprochenen Entwicklungen wäre daher zunächst die Erneuerung kultureller Substanz erforderlich, um eine hinreichend kompetente Elite mit einer solchen Vision zu erzeugen. Da dies jedoch allenfalls langfristig gelingen könnte, ist das durch den Soziologen Wolfgang Streeck beschriebene Szenario wahrscheinlicher. Dieser geht davon aus, dass die beobachteten Auflösungsprozesse mit immer größerer Polarisierung und immer stärkerer Erosion der politischen Ordnung verbunden sein werden, was in deren Zusammenbruch münden würde. Im daraus resultierenden Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei noch offen sei, wer diese sein und wie von ihnen geschaffene Ordnung aussehen könnte. (FG 2)