Progressiver Aktivismus und kulturelle Auflösung: Das Beispiel Polen

Louis Janmot - Der Weg ins Unheil (gemeinfrei)

Polen ist einer der Staaten in Europa, in denen es Anzeichen für das erfolgreiche Wirken kultureller (in diesem Fall katholischer) Erneuerungsbewegungen gibt. Dies stößt auf die Ablehnung progressiver Aktivisten, deren Bewegung der Journalist Florian Hassel in der Süddeutschen Zeitung am Beispiel der Aktivitäten des Posener Oberbürgermeisters Jacek Jaśkowiak beschreibt.

Bei seiner Beschreibung der Aktivisten fällt auf, dass diese nicht über eigenständige politische oder kulturelle Ziele verfügen, sondern sich ausschließlich über ihre Ablehnung der Kultur und Tradition des Landes definieren. Zu den Zielen der Aktivisten gehören demnach etwa:

  • Legalisierung der Tötung ungeborener Kinder;
  • Auflösung des traditionellen Verständnisses von Ehe und Familie sowie des traditionellen Geschlechterbildes;
  • Beseitigung christlicher Symbole aus der Öffentlichkeit und Bekämpfung der öffentlichen Rolle der Kirche;
  • Ansiedlung irregulärer, vorwiegend muslimischer Migranten;
  • Staatliche Subventionierung von Aktivisten unter Verweis darauf, dass diese „an einer Statue von Papst Johannes Paul II. Oralsex imitiert“ hätten, was dem Kontext nach offenbar als Leistung gewürdigt werden soll.

Keines dieser Ziele ist dabei mit der Schaffung kultureller Werke oder der Pflege eines an nachfolgende Generationen zu übergebenden Erbes verbunden. Indem die Aktivisten das Ziel der Legalisierung von Abtreibung betonen und gleichzeitig Ehe und Familie ablehnen machen sie vielmehr deutlich, dass sie nicht nur das kulturelle Erbe des Landes beseitigen wollen, sondern auch die potentiellen Erben.

Es handelt sich bei dieser ausschließlich auf Negation beruhenden und auf Auflösung abzielenden Bewegung um ein Beispiel für das, was der amerikanische Soziologe Philip Rieff als „Antikultur“ bezeichnete:

  • In modernen Ideologien sei das Wirken eines kollektiven Todestriebes im Freudschen Sinne zu erkennen. Als Folge einer kollektiven seelischen Störung würden Teile dieser Ideologien die eigene Selbstauslöschung anstreben und sich wie eine Autoimmunkrankheit gegen die eigene kulturelle Substanz und die eigenen geistigen Wurzeln richten.
  • Antikultur trage meist utopische Züge und strebe die Schaffung eines neuen Menschen an, der durch den revolutionären Bruch mit einer Tradition entstehen solle. Nicht nur totalitäre Ideologien, sondern auch progressive oder liberale Strömungen könnten dabei antikulturell wirken.
  • Antikultur stelle grundsätzlich eine Gefahr dar, weil sie keine kulturelle Substanz erzeugen könne und im Zuge ihres Wirkens nicht nur diese Substanz sondern auch das zerstöre, was zu deren Regeneration in der Lage sei. Antikultur müsse daher zwangsläufig in Chaos und Verwahrlosung enden, wenn die Bestände der von ihr bekämpften Kultur verbraucht seien.

Polen war in der Vergangenheit bereits Ziel von zwei totalitären Versuchen, es durch Angriffe auf seinen religiösen Identitätskern zu zerstören. Einer der Gründe dafür, dass kulturelle Erneuerungsbewegungen in Polen größere Wirkung erzielen als in anderen europäischen Staaten könnte in diesem Zusammenhang darin bestehen, dass viele Polen aufgrund der Geschichte des Landes sensibler für die von entsprechenden Bestrebungen ausgehenden Gefahren sind und diese auch dann erkennen, wenn sie sich in ein progressives Gewand kleiden. (FG2)