Demographie: Europas schwindender Wille zur Dauer und seine Ursachen

Louis Janmot - Ein Geschenk des Himmels (gemeinfrei)

Der katholische Theologe George Weigel  ist vor allem für seine Schriften zu Fragen der politischen Philosophie bekannt und zählt zu den führenden konservativen Denkern in den USA.  In einem aktuellen Beitrag im christlichen Philosophiemagazin First Things setzt er sich mit den geistigen Ursachen der demographischen Krise Europas auseinander.

  • Europa begehe „demographischen Selbstmord“. Es laufe seit einiger Zeit der gravierendste Bevölkerungsschwund in Europa seit den Pestepidemien im vierzehnten Jahrhundert. Da Europa wohlhabender, gesünder und sicherer sei als je zuvor in seiner Geschichte, schieden materielle Faktoren als Erklärung dafür aus.
  • Die Ursachen der demographischen Implosion seien geistiger Art. Sie liege in Weltanschauungen, die keinen Willen zur Dauer hätten. Dies sei gleichzeitig auch die Ursache migrationsbedingter und anderer Herausforderungen. Das Verhältnis Europas zum Heiligen, Transzendenten sei zutiefst gestört, weshalb es je nach weltanschaulicher Variante entweder aus der Welt verschwinden wolle oder keine über dem Individuum stehende Ordnung und keine übergenerationalen Ziele mehr anerkennen würde.
  • Ein Indikator dafür sei, dass die politischen Führungen der wichtigsten Staaten Europas durch kinderlose Politiker gestellt würden. Diese repräsentierten einen Lebensstil, dessen Horizont nicht über das eigene Leben hinausreiche.

Diese Entwicklung werde wiederum begleitet von einem „kolossalen Versagen“ von Teilen des europäischen Christentums. Große Teile auch der katholischen Kirche in Europa seien von einer von Weigel als „Catholic Lite“ bezeichneten Anpassung an die säkularen, utopischen Ideologien gekennzeichnet, die hinter dem schwindenden Willen zur Dauer ständen. „Catholic Lite“ würde diese Ideologien in christlichem Gewand verbreiten und legitimieren und dadurch zur Zerstörung einer auf dem christlichen Dienstethos beruhenden Kultur beitragen, die über den Horizont der Gegenwart hinausdenke. Eine Erneuerung Europas aus seinen christlichen Wurzeln heraus setzte daher zunächst das erfolgreiche Wirken von Erneuerungsbewegungen innerhalb der Kirche voraus. (FG2)